Presse: Rheinpfalz vom 2.2.2005 



Im Geschichtsbuch geblättert 
Der schwere Weg von Lingenfeld nach Rheinsheim

LINGENFELD: 
„Franzosendenkmal" erinnert an Opfer der Rheinüberquerung vom 31. März 1945 - Veteranen aus Frankreich planen Gedenkfeier

Von unserem Mitarbeiter Alfons Heil

Lange war es vom Festland abgeschnitten, das Uferstück im Lingenfelder Unterwald, auf dem das „Franzosendenkmal" steht. Jetzt ist es wieder zugänglich (wir berichteten) und hat sich schnell zu einem beliebten Ziel für Spaziergänger entwickelt. Auch wenn die Geschichte, die hinter dem Denkmal steckt, recht dramatisch ist.


Es steht bei Stromkilometer 387 am Rheinufer, ganz in der Nähe von der Stelle, an der in zwölf Metern Tiefe eine im Jahr 1852 im Rhein versunkene Lokomotive vermutet wird. Der Gedenkstein erinnert an den 31. März 1945, an eine verlustreiche Rheinübersetzung durch das Militär. Er genießt noch heute hohes Ansehen bei französischen Veteranen und steht unter dem Schutz der nationalen militärischen Denkmalpflege in Frankreich. Anlässlich des 60. Jahrestages bemühen sich zurzeit ehemalige Armeeangehörige, Ende März vor Ort ein Veteranentreffen zu arrangieren, mit deutschen Überlebenden.

Der damaligen Militäraktion vorausgegangen waren Rückzugbewegungen Hunderttausender Wehrmachtangehöriger über die einzigen noch intakten Rheinbrücken bei Germersheim und Speyer. Am 23. März wurde die Rheinbrücke bei Speyer gesprengt, einen Tag später besetzten US-Einheiten die Stadt. Tags darauf sprengte deutsches Militär die letzte Rheinbrücke bei Germersheim. Und amerikanische Verbände besetzten bei ihrem Vormarsch zum Rhein die rheinnahen Gemeinden zwischen Speyer und Germersheim. Einige deutsche Soldaten, denen die Flucht über den Rhein versperrt war, versuchten, US-Soldaten im Lingenfelder Oberwald aufzuhalten. Das kostete elf von ihnen das Leben.

Das schnelle Vorrücken der US-Armee Richtung Rhein ließ auch die Franzosen aktiv werden. General de Gaulle, damals Oberbefehlshaber der französischen Armee, telegraphierte an den Verantwortlichen der Ersten französischen Armee, General de Lattre de Tassigny: „Mein lieber General, koste es was es wolle, auch wenn die Amerikaner dagegen sind, Sie müssen den Rhein überschreiten, und wenn Sie ihn mit Ruderboten überqueren." Bis zum 29. März gab die amerikanische Seite den vorderpfälzischer Gebietsstreifen ab Otterstadt bis Leimersheim für eine aus französischen Kolonialtruppen bestehende algerische und marokkanische Division frei. Einheiten der Algerier passierten am 31. März bei Speyer den Rhein, bildeten rechtsrheinisch einen ersten Brückenkopf. Ein Denkmal am Neuen Rheinhafen in Speyer erinnert daran.

Für eine Rheinübersetzung südlich von Speyer bezog ein algerisches Bataillon am Mechtersheimer Altrhein in der Nähe der heutigen Nato-Straße Stellung, und in zwei Kilometern Abstand bereitete sich eine marokkanische Einheit am Lingenfelder Altrhein auf eine Rheinüberquerung vor. In der Nacht von 30. auf 31. März, von Karfreitag auf Karsamstag 1945, feuerte zur Vorbereitung der Rheinüberquerung französische Artillerie vom Hochufer zwischen Lingenfeld und Mechtersheim aus ein Dauerbombardement auf die zahlreichen, von SS- und Gebirgsjägereinheiten besetzten Westwallbunker vor Rheinsheim. Die Bunker wurden kaum beschädigt, in Rheinsheim aber wurden 14 Zivilisten getötet, von 552 Wohnungen 225 total zerstört und auch der Kirchturm der katholischen Kirche, auf dem sich deutsche Beobachter aufhielten, litt darunter.

Bei Tagesanbruch verkündete ein Kanonenschuss den Beginn der Rheinüberquerung. Pioniere mit Sturmbooten versuchten mehrmals, in Pulks von acht bis zehn Booten, algerische und marokkanische Einheiten über den Rhein zu bringen. Während der Überfahrt waren die mit zwölf Mann besetzten Boote dem Maschinengewehrfeuer der Deutschen ausgeliefert.

Nur drei Boote kamen bis zum badischen Ufer. Eines explodierte und sank. Weitere sechs Boote wurden beschädigt und sanken. Ein ähnliches Fiasko erlebten auch die Marokkaner, die am nächsten Morgen vom Mechtersheimer Altrhein aus versuchten, auf die rechte Rheinseite zu gelangen. Für viele Insassen gekenterter Boote bedeutete die starke Rheinströmung den sicheren Tod. Insgesamt sollen im Laufe des Tages an diesem etwa zwei Kilometer langen Rheinabschnitt und bei der anschließenden Bildung eines Brückenkopfes vor Rheinsheim mehr als 200 französische Militärangehörige gefallen oder verwundet worden sein.

WILZEKM / WILZEKM
Quelle: 
Publikation: DIE RHEINPFALZ 
Regionalausgabe: Speyerer Rundschau 
Datum: Nr.27 
Datum: Mittwoch, den 02. Februar 2005 
Seite: Nr.16 
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